Johannes hat in sein Evangelium verschiedene Portraits von Jesus Christus hineingewoben.Dieses ist das erste:
Jh. 1 - Der Sohn Gottes
Der Zweck des Johannes-Evangeliums ist, "dass ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und auf dass ihr als Glaubende Leben habt in seinem Namen." (Jh. 20, 31)
Ein weiterer Zweck war es, falschen Konzepten über Jesus, den Christus, entgegen zu wirken.
Im Anfang ...
Johannes beginnt sein Evangelium ganz am Anfang, noch weit vorm Anfang der Schöpfung. (1. Mo. 1, 1) Er sagt: Als der Anfang begann, war das Wort schon da. "Im Anfang war das Wort." (Jh. 1, 1)
Das griech. Wort logos bedeutet auch Gedanke. Entsprechend der griech. Philosophie prä-existierte alles in einem Gedanken. Alles was da ist, ist Ausdruck eines Gedankens.
Johannes greift das auf und geht einen Schritt weiter. Er sagt quasi: "Wenn es da Gedanken gibt, dann muss es auch einen Denker geben. Denn jeder Gedanke ist Ausdruck eines Denkers. Und ich kenne ihn."
Jesus ist der Logos
"Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." (Jh. 1, 1) Das stell' ich mir in etwa so vor:
Da war er, der Gedanke, der in aller Souveränität von Anbeginn in ihm vorhanden war und von dem er seit je her das Gefühl hatte, dass er schon immer zu ihm gehörte, ein Stück von ihm selbst, ja vielleicht sogar das Kernstück seines eigentlichen Wesens: Vermehrung. Heute dachte er diesen Gedanken zum ersten mal bewusst. Ein bisher noch nicht gekanntes Gefühl machte sich in ihm breit, das Gefühl, dass etwas aus ihm heraus hervorgehen würde, wenn er es erlauben würde, diesen Gedanken weiter zu denken. Doch anschließend, das wusste er zutiefst in sich, würde er nicht weniger sein, sondern mehr sein. Etwas wie er selbst wäre dann in seiner Welt und ihm in gleicher liebevoller Zuwendung ein Gegenüber für immer und ewig wie auch er selbst es wäre. Wie er auch: von Anfang an, ewig, unsterblich, freundlich, voll Liebe ... Noch könnte er es verhindern. Er müsste einfach aufhören, diesen Gedanken weiter zu denken. Doch wenn er das nicht tun würde, dann - und das wusste er nur zu gut - würde sein Gedanke zur Wirklichkeit werden. Denn bisher wurde noch jeder seiner Gedanken, die er bewusst zu Ende gedacht hatte, zunächst ein klar ausgesprochenes Wort, das deutlich zum Ausdruck brachte, was zutiefst in ihm war. Und in diesem Wort war immer die Kraft, das zu schaffen, wovon es zeugte.
Jetzt aber wollte er nicht mehr aufhören, diesen Gedanken zu denken. Große Freude machte sich in ihm breit und je mehr er diesen Gedanken dachte, desto größer wurde die Freude in ihm. Immer klarer wurden die Gedanken, die seit je her in ihm waren. In seinem Geist formten sie sich zu Worten. Und je klarer die Gedanken und Worte wurden, desto klarer wurde ihm, was ihm schon seit Anbeginn vertraut war: In ihm war Leben. Er fühlte Gefühle in sich, wie sich Gefühle anfühlen müssen, wenn man im Innern plötzlich gewahrt, dass da Leben ist. Später würde er dafür sorgen, dass auch andere diese Gefühle fühlen können, das nahm er sich fest vor.
Doch nun machte er in sich Platz für diesen Gedanken, denn er erkannte dessen Weisheit. Und je mehr Raum er ihm gab, desto mehr Raum nahm er ein. Das würde so weiter gehen bis er ganz eingenommen war von dem Gedanken und dieser Gedanke er selbst sein würde und er dieser Gedanke. Und dann würde dieser Gedanke aus ihm heraus hervorgehen und Gestalt annehmen. Wollte er das? Ja, das wollte er. Alles in ihm bezeugte ihm, dass er das wirklich will. Alles in ihm sagte ihm, dass dies die Erfüllung seiner selbst ist. Immer klarer wurde ihm, was da seit Anbeginn in ihm war und Teil seiner selbst. Nein, es war mehr als ein Teil, es war er selbst und jetzt würde es aus ihm hervorkommen. Ganz wie er selbst ... durch und durch und ein Sohn wäre es ... Und jetzt da er diesen Gedanken gerade so klar gedacht hatte wollte er auch schon aus ihm hervorkommen. Die Worte reihten sich hintereinander und kamen in seinen Mund. Und mit aller Kraft sagte er: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt." (siehe Ps. 2, 7)
Es gibt ein Wesen ...
... das ist bekannt als der logos. Es ist Gott, weil es schon vor dem Anfang da war. Es ist Gott, weil es ausdrücklich Gott genannt wird. (Das Wort war Gott.) Aber es ist nicht allein Gott, denn "es war im Anfang bei Gott.
Er ist der Erschaffer. Alles ist durch Jesus, den logos, geworden. (Jh. 1, 3) Er ist der Erschaffer aller geschaffenen Dinge. In Jesus, dem logos, war das Leben. (Jh. 1, 4)Er ist die Quelle allen Lebens.
Jesus, der logos, ist auch das Licht der Menschen. Jesus, das Licht, erscheint in der Finsternis. (Jh. 1, 5)
Die Finsternis ist der verfinsterte Verstand. Paulus schreibt: "verfinstert am Verstande ... wegen der Verstockung ihres Herzens" (Eph. 4, 18) Das ist der Grund, warum Menschen Jesus nicht fassen können: Weil sie sich in ihren Herzen dagegen versperren.
Johannes der Täufer ist der Zeuge
Er war "ein Mensch, von Gott gesandt." Er "kam zum Zeugnis, ... damit alle durch ihn glaubten." Er (selbst) "war nicht das Licht." Er sollte nur von dem, der das Licht ist, zeugen. Und das ist sein Zeugnis, "dass dieser (Jesus) der Sohn Gottes ist." (Jh. 1, 34)
Die Seinigen nahmen ihn nicht an
Die aus dem Himmel verbannten Dämonen erkannten ihn. (Mk. 1, 14 u. 5, 7) Wind und Wellen gehorchten ihm, weil sie wussten, wer er war. (Mk. 4, 41) Aber nicht die verfinsterten Menschen. Die sagten: "Wir haben keinen König, als nur den Kaiser." (Jh. 19, 15) Und "wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche." (Lk. 19, 14)
Die ihn aber aufnahmen, "denen gab er das Recht, (die exousia = Befugnis, Fähigkeit und Kraft) Kinder Gottes zu werden." (Jh. 1, 12)
Das geht jedoch nicht:
- aus Geblüt (Keiner wird Christ, nur weil seine Eltern Christen sind.)
- aus dem Willen des Fleisches (Keiner wird Christ, nur weil er sich das so vorgenommen hat.)
- aus dem Willen des Mannes (Keiner wird Christ, nur weil ein anderer das so will.)
- sondern nur aus Gott (Christ werden kann jemand nur, weil Gott das so will.)
Der logos wurde Fleisch
Das Licht kommt in die Finsternis. (Jh. 1, 5) Der Erschaffer kommt in seine Welt. (Jh. 1, 10) Der ewige logos wird Fleisch. (Jh. 1, 14) Der Anfang kommt in die Endlichkeit. Der Vorzeitliche kommt in die Zeit.
Der Unsichtbare wird sichtbar. (Jh. 1, 18)
1. Jh. 1, 1+2: "Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben ... und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, welches bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist." Johannes sagt mit anderen Worten; "Als wir ihn gehört haben, haben wir Gott gehört. Wenn wir ihn angeschaut haben, haben wir Gott gesehen. Wenn wir ihn berührten, hatten wir Tuchfühlung mit Gott."
Und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit "voller Gnade (charis = Gunst und Genuss voller Güte) und Wahrheit (aletheia = ist das, was wirklich wahr ist, nicht bloßer Anspruch)." (Jh. 1, 14)
Die sehen wir im nächsten Kapitel. (Jh. 2, 11)