Die Kunst des Vergessens

Was heißt hier Kunst? Vergessen ist ärgerlich, z.B. wenn man sein Passwort, seine PIN oder gar seine Schlüssel im abgesperrten Auto vergessen hat.

Ganz offensichtlich neigt der Mensch zum Vergessen. Deshalb gibt es auch "Aktionen gegen das Vergessen", um sich z. B. der Armen zu erinnern, der Hungernden, der AIDS-Kranken, der politisch Vergolgten und Unterdrückten usw.

Vergessenskurve nach Ebbinghaus Ebbinghaus veranschaulicht mit seiner Vergessenskurve den Grad des Vergessens innerhalb einer bestimmten Zeit. Seine Ergebnisse besagen, dass wir 20 Minuten nach dem Lernen bereits etwa 40% des Gelernten vergessen haben. Nach einer Stunde sind nur noch 45%, nach einem Tag gar nur noch 34% des Gelernten im Gedächtnis und 66% vergessen. Sechs Tage nach dem Lernen wiederum schrumpft das Erinnerungsvermögen auf nur noch 23%; dauerhaft werden nur 15% des Erlernten gespeichert.

Wie läßt sich aber der beachtliche Vergessensverlust eines neu gelernten Inhaltes verhindern?

Hier hilft nur eine Strategie, die zwar lange bekannt ist, aber selten befolgt wird: Wir überlassen den neu gelernten Inhalt zunächst seinem Schicksal und nehmen ganz gelassen in Kauf, dass ein Teil davon verloren geht. Nach einer geeigneten Zeit führen wir aber eine Wiederholung des Erlernten durch und holen damit den gesamten Stoff wieder auf das %-Niveau. Nun kommt uns eine angenehme Gesetzmäßigkeit entgegen: Zwar werden abermals einige Inhalte des eben Wiederholten vergessen gehen. Doch die Vergessenskurve fällt nun nicht mehr so steil wie nach dem ersten Lernen. Die Halbwertszeit ist wesentlich länger geworden und wir können einen viel längeren Zeitraum verstreichen lassen, ehe wir mit einer weiteren Wiederholung die verloren gegangenen Inhalte wieder einfangen.

Unser Gehirn benötigt also immer wieder ein "Update", eine Erinnerung, bevor es Erlerntes und Erlebtes im Langzeitgedächtnis abspeichern und behalten kann. Hirnforscher vergleichen dies manchmal mit einer Schublade, in der die jeweilige Erinnerung abgelegt ist wie eine Akte. Bevor diese Akte im Archiv des Langzeitgedächtnisses sicher abgelegt wird, holt das Gehirn sie immer wieder hervor, um sie auf ihre Relevanz zu überprüfen.


Gegen das Vergessen hilft nur erinnern

Das wusste schon der Apostel Petrus, denn er schreibt: "Deshalb will ich Sorge tragen, euch immer an diese Dinge zu erinnern, wiewohl ihr sie wisset und in der gegenwärtigen Wahrheit befestigt seid. Ich halte es aber für recht, solange ich in dieser Hütte bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken." (2. Pet. 1, 12+13)

Gelernt hat er das von seinem Meister, Jesus. Der versprach ihm und uns allen eine mächtige Lernhilfe: "Der Sachwalter aber, der Heilige Geist, welchen der Vater senden wird in meinem Namen, jener wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." (Joh. 14, 26)

Und auch Paulus verstand die Bedeutung von Wiederholung und Erinnerung. Er schreibt in 1. Kor. 4, 17: "Dieserhalb habe ich euch Timotheus gesandt, der mein geliebtes und treues Kind ist in dem Herrn; der wird euch erinnern an meine Wege, die in Christo sind, gleichwie ich überall in jeder Versammlung lehre."


Was wir nicht vergessen sollen

Knoten im Taschentuch


Wo die Kunst des Vergessens hilft

Das Vergessen ist eine wichtige Funktion des Gedächtnisses. Die Menge der über die Sinnesorgane aufgenommenen Informationen ist nämlich gewaltig. Vergessen führt dazu, dass nur ein kleiner Teil dieser Information - nämlich der relevante - tatsächlich gemerkt wird.

Vergessen geschieht selektiv. Es werden Ereignisse in Abhängigkeit von ihrem emotionalen Gehalt vergessen. Dinge, die uns gleichgültig sind, werden schneller vergessen als Dinge, die starke Emotionen hervorrufen. Dinge, die mit positiven Emotionen verbunden sind, werden nicht so leicht vergessen wie Dinge, die mit negativen Emotionen verbunden sind, es sei denn man erinnert sich immer wieder an die schlimmen Dinge.

Gedächtnisforscher haben jetzt eine besondere Kunst entdeckt: das absichtliche Vergessen. Wer es beherrscht, kann sich Wichtiges besser merken. Wer sich dagegen an alles erinnern will, behält weniger. Wer Unnützes umgehend wieder loslässt, reserviert Speicherplatz für Wichtiges.

Lernen Jörg Behrendt wies nach, dass sich alte Menschen vor allem deshalb schlechter erinnern können, weil sie weniger gut vergessen. Um diese paradoxe Erkenntnis zu untermauern, lud er zwei Gruppen von Probanden in sein Labor - Studenten zwischen 20 und 35 und Ältere zwischen 60 und 75 Jahren. Sie wurden gebeten, sich an verschiedene Wörter zu erinnern, die ihnen an einem Computer präsentiert wurden. Nachdem 16 Wörter über den Bildschirm geflimmert waren, behauptete Behrendt plötzlich, nun sei der Computer leider abgestürzt. Der Versuch müsse mit neuen Wörtern wiederholt werden. Die alte Liste sei also bitte zu ignorieren.

Nach einiger Zeit bat er aber dann seine Probanden, sich nun doch an alle Wörter zu erinnern und sie zu notieren. Erwartbar wäre, dass dabei die "vergessenen" Wörter schlechter memoriert werden als die danach gelernten. Das war bei den jüngeren Versuchspersonen tatsächlich der Fall. Bei den Alten dagegen stellte der Forscher keinerlei Unterschied fest. Sie speicherten alle Wörter gleich - und zwar gleich schlecht. Sie konnten offenbar trotz Aufforderung die erste Wörterliste nicht vergessen und sich daher die zweite Liste auch schlechter merken.

Kinder können noch sehr gut vergessen. Um dies zu beweisen, wurde eine Art Kaufladenspiel für die Testpersonen entwickelt. Es wurden Warenlisten mit all den Dingen zusammengestellt, die in den Laden hineingehören und die beim Großhandel geordert werden müssen. Doch plötzlich wurde überraschend das Sortiment des Ladens geändert. Die kleinen Verkäufer sollten daher die ganze Warenliste im wahrsten Wortsinn vergessen. Die Kinder glaubten nur zu gern, dass sie sich die neuen Waren viel besser merken könnten, wenn sie die unwichtigen "ganz fest vergessen" - und es gelang ihnen meisterhaft.


Wichtig für unser Glaubensleben

Paulus schreibt in Phil. 3, 12-14: "Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei (das ist auch unsere Glaubenssituation); ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, indem ich auch von Christo Jesu ergriffen bin. (Das ist das Unveränderliche: Christus hat mich ergriffen.) Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben; eines aber tue ich:

Ich vergesse was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was vorn ist; ich jage, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu."

Paulus vergisst, was hinter ihm liegt, dass er "... beschnitten am achten Tage, vom Geschlecht Israel, vom Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern; was das Gesetz betrifft, ein Pharisäer; was den Eifer betrifft, ein Verfolger der Versammlung; was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden ..." ist. Sowohl das Gute als auch das Schlechte vergisst er, denn er betrachtet jetzt "alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, auf dass ich Christum gewinne und in ihm erfunden werde, indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die durch den Glauben an Christum ist - die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben." (siehe Phil. 2, 5-9)

In Christus wie im See Darum geht's in unserem Glaubensleben, dass wir in Christus erfunden werden. Denn in ihm sind wir, was wir durch die Neue Geburt wirklich sind: Diese Auflistung könnte noch eine ganze Weile fortgesetzt werden. Aber das kann ja mal jeder für sich machen.


Der Apell des Paulus

"So viele nun vollkommen sind, lasst uns also gesinnt sein." (Phil. 3, 15)

Vollkommenheit im christlichen Glauben ist einzig und allein in Christus Jesus zu finden. Und da bist Du jetzt - in Christus - seit Deiner Neuen Geburt. Du bist in Christus hinein inkorporiert worden (einverleibt; siehe Eph. 3, 6). Und Christus ist in Dich hinein gekommen und da wohnt er jetzt durch den Glauben (Eph. 3, 17).

Er ist der "neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph. 4, 24) und wohnt quasi als innerer Mensch im äußeren Menschen, der "verfällt" (2. Kor. 4, 16), bis "dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod in Sieg." (1. Kor. 15, 54)

Dem jagt Paulus nach, der "Auferstehung aus den Toten" (Phil. 3, 11). Und bis dahin vergisst er, was da hinten ist. Darum lasst es uns ihm gleich machen und auch vergessen, was da hinten ist und uns erinnern, an die Wahrheiten, die Jesus uns gesagt hat, an die Petrus und Paulus uns immer wieder erinnern und auch der Heilige Geist. Lasst uns aber nicht vergessen die Lehre und die "Wege, die in Christo sind" (1. Kor. 4, 17) und sie gehen.